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6 MÖGLICHKEITEN FÜR EINEN ANFANG DEINER BIOGRAFIE

April 19, 2018

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EINE AUTOBIOGRAFIE IST EINE ABENTEUERREISE

November 5, 2017

 

Die neue Plattform für Autobiografien im Internet heisst meet-my-life.net und wird wissenschaftlich begleitet. Das Leben von Namenlosen findet die Wissenschaft besonders spannend. Warum, erläutert Alfred Messerli, Professor für Europäische Volksliteratur an der Uni Zürich.

 

Warum schreiben die Leute ihre Lebensgeschichte auf? Tun sie das für sich, oder denken sie dabei an andere?

 

Alfred Messerli: Man schreibt eine Autobiografie in erster Linie für sich selber. Es ist eine Abenteuerreise. Man steigt als Entdecker in die eigene Vergangenheit hinab und stösst auf Dinge, die man längst verschüttet glaubte. Bilder, woran man sich genau zu erinnern meint, erscheinen anders, als unser Gedächtnis sie widerspiegelte, zum Teil während Jahrzehnten. Man schreibt also für sich, und das Schreiben kann beglückend, aber auch schmerzhaft sein.

 

Leute, die ihre Biografie für interessant genug halten, denken aber wohl auch an Leser. Ohne deren Interesse würde dann doch eine wichtige Motivation fehlen.

 

Wenn die Lebensgeschichte das Interesse der Angehörigen findet, ist das in der Tat ein wunderbarer Nebeneffekt. Wie auch, wenn die Enkel einen «ganz anderen» Grossvater oder eine andere Grossmutter kennen lernen. Das Gefühl, dass von einem selbst etwas bleibt, hat etwas Tröstendes. Darum gilt hier ein Paradox: Sein Leben aufzuschreiben, ist grundsätzlich egozentrisch. Zugleich aber ist es sehr sozial. Johann Wolfgang Goethe sagte es in der «Bedeutung des Individuellen» so: «Die Frage, ob einer seine eigene Biografie schreiben dürfe, ist höchst ungeschickt. Ich halte den, der es tut, für den höflichsten aller Menschen. Wenn sich einer nur mitteilt, so ist es ganz einerlei, aus was für Motiven er es tut.»

 

Gerade als Forscher und Kenner der europäischen Volksliteratur interessieren Sie sich sehr für solche Biografien. Worin steckt denn für Sie der grösste Gewinn?

 

Über das alltägliche Leben erfährt man sehr viel. Über das Familienleben, über Kinderspiele und die Schule, die Arbeitswelt und so weiter. Auch die grossen Ereignisse tauchen auf. Hier interessiert uns weniger das Faktische, wofür es zuverlässigere Quellen als Autobiografien gibt. Hingegen erfährt man in den Selbstzeugnissen, wie der Autor ein bestimmtes Ereignis oder eine Folge von Ereignissen erlebt, bewertet und deutet.

 

Wer für Publikum schreibt, schielt nach Publikum. Aber auch ohne: Der Wahrheitsstarke wird ganz schwach bei seiner Lebensgeschichte: Er inszeniert sie, er beschönigt, flunkert, überzeichnet. Stört Sie das nicht?

 

Von der Neigung, «Mythologe seiner selbst» zu sein, ist fast niemand frei. Wir beziehen uns auf Modell-Erzählungen, nach denen wir unser Leben ummodeln. Als Wissenschaftler weiss man das. Dann wird eben die Frage spannend, wie dies einer umsetzt, mit welchen Narrativen und sprachlichen Formen?

 

Was macht eine Lebensgeschichte spannend? Schicksalsschläge, Abenteuer? Oder nicht vielmehr die Art, wie jemand darüber schreibt?

 

Eine Aufzählung dessen, was man erreicht hat, kann langweilen. Wenn es jemandem aber gegeben ist, das Leben durch szenisch dichte Beschreibung, durch die Kraft und den Reichtum der Sprache lebendig werden zu lassen, dann wird das mit Sicherheit andere fesseln. Ein Geheimnis muss man dabei beachten, was sehr schwierig ist: Von all den Erfahrungen, von all dem Wissen, das einem später zugewachsen ist, sollte man sich freimachen und freihalten. Die Sphäre des Damals muss man deutlich vom Heute unterscheiden.

 

Wie schlagen Sie einen solchen Purzelbaum: Im Alter, als erfahrener Mensch, wieder naiv zu werden, um packender zu erzählen? Soll man sich vielleicht an die zeitlose Dreifaltigkeit halten: Geburt, Liebe, Tod?

 

Das handhaben die Leute unterschiedlich. Früher war es eher die Ausnahme, die Geburten der eigenen Kinder genau aufzuschreiben. Dass Autobiografen auf meet-my-life.net sogar auf ihre eigene Geburt zu sprechen kommen, hat wohl damit zu tun, dass wir eine entsprechende Frage stellen. Der Tod wiederum ist in den heute verfassten Autobiografien weniger präsent als früher. Die Liebe nur insoweit, als der Schreibende dem Publikum Einblick in Persönliches geben will.

 

Neigen eher Männer oder Frauen zur Autobiografie?

 

Auf unserer Plattform sind Frauen im Augenblick in der Minderzahl. Ich vermute aber, dass sie die fleissigeren Autoren sind, es aber (noch) nicht wagen, ihre Autobiografie auf einer Webplattform zu veröffentlichen. Das wird sich ändern. Interessant ist, dass auf meet-my-life.net zwei Frauen sich die Zeit nehmen, im einen Fall die Lebensgeschichte der Mutter, im andern des Vaters aufzuschreiben.

 

Können Sie eine Autobiografie nennen, die Sie persönlich gepackt hat?

 

Sicher jene vom Toggenburger Ulrich Bräker, 1789 erschienen.

 

 Die wunderbarste, aber auch radikalste Autobiografie – er hat sie 1906 seiner Sekretärin diktiert – stammt von Mark Twain. Er experimentierte darin mit einer Art radikaler Ehrlichkeit, auf der Grundlage freien Assoziierens. Diese Biografie durfte, nach dem Willen Twains, erst hundert Jahre später erscheinen. Sie ist in zwei Bänden 2010 und 2013 in der University of California Press herausgekommen, die deutsche Übersetzung folgte 2012 und 2013 im Aufbauverlag.

 

Erlebnisse werden inzwischen eher visuell archiviert, wenig schriftlich niedergelegt. Lesen und schreiben – wie unbequem! Gab es Zeiten, als Autobiografie einen stärkeren Stellenwert hatten als heute?

 

Die Autobiografie hat in der westlichen Kultur seit der Frühen Neuzeit einen hohen Stellenwert. Die Entstehung des Individuums in der Renaissance ist ohne das damalige Aufkommen von Autobiografien nicht denkbar. Diese hohe Wertschätzung hat bis heute nicht abgenommen. Heute machen Familienarchive den Wandel mit vom handschriftlichen oder getippten Text hin zum Bild – sei es analog, digital, bewegt oder nicht. Das aber bedeutet lediglich, dass halt mitunter auch andere Medien einbezogen werden, Foto, Film, Video. Das ist lediglich die Bereicherung eines klassischen Genres.

 

Interview: Max Dohner, Nordwestschweiz

 

Falls du ebenfalls an deiner Autobiografie schreibst oder die Absicht hast, damit zu beginnen, was ist deine Motivation, und welche Leser hast du vor Augen beim Schreiben?

 

Bitte benutze Facebook als Diskussionsplattform.

 

 

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